Oft fängt es klein an: Der alte Mensch wird vergesslich und versucht, es zu verbergen. Er verlegt Schlüssel, Geldbörse oder Kleidung und erfindet Ausreden, um es nicht zugeben zu müssen. Oder er weiß nicht mehr, welcher Tag heute ist oder wo er sich gerade befindet. Teilweise fehlt der Antrieb, morgens aufzustehen, den Tag beginnen zu wollen.
Ob in solchen Fällen das Krankheitsbild einer Demenz vorliegt oder ob eine Altersdepression der Grund dafür ist, sollte unbedingt fachärztlich abgeklärt werden, empfiehlt Christina Hornung. Sie verantwortet bei der Sozialstation Sankt Michael den Bereich der Alltagsbegleitung. Ihre 28 Alltagsbegleiterinnen unterstützen unter den 190 Kunden immer mehr Seniorinnen und Senioren, die an Demenz erkrankt sind. „Das Problem nimmt zu und viele unserer Kunden leben zuhause allein“, erklärt sie.
Individuelle Hilfe durch die Alltagsbegleiterin
So unterschiedlich das Krankheitsbild ist, so individuell ist die Hilfe, die die Alltagsbegleiterinnen stundenweise leisten. „Manche Senioren ziehen sich zurück, andere wiederum zeigen herausfordernde Verhaltensweisen“, weiß Christina Hornung. Eine Beratung und Schulung der Angehörigen zu diesem Krankheitsbild, wie sie gut damit umgehen können und welche Unterstützungsmöglichkeiten es gibt, hält sie für enorm wichtig.
In einem persönlichen Erstgespräch klärt die Bereichsleiterin diese Fragen und vermittelt bei Bedarf entsprechende Stellen. „Wir möchten der Familie die nötige Entlastung in ihrem Pflegealltag geben“, erklärt sie, „und manchmal sind zwei bis drei Stunden Auszeit ein großes Geschenk.“
Anja Tischler arbeitet seit November 2023 als Betreuungsassistentin in der Alltagsbegleitung der Sozialstation. Sie weiß, wie herausfordernd der Umgang mit Demenzkranken ist. Sie bringt die nötige Liebe, Ruhe und Geduld für diese Aufgabe mit und geht auf die jeweiligen Bedürfnisse ihrer Kunden ein. Die jüngste Fortbildung zum Thema Demenz vermittelte ihr weiteres Wissen zu der Krankheit.
Perspektivwechsel und Respekt vor dem Menschen
Vor allem ein Perspektivwechsel sei wichtig, sagt sie: Sich bewusst zu machen, dass der Betroffene keineswegs den Ansprechpartner mit seinen Verhaltensweisen oder ständigen Wiederholungen ärgern wolle, sondern weil die Krankheit eben so ausgeprägt sei. Respekt vor dem Menschen, auch wenn er nicht mehr so kann, das bringen die Alltagsbegleiterinnen ihren Kunden entgegen, unterstreicht Christina Hornung.
Vor allem die Kommunikationstechnik der Validation muss die Alltagsbegleiterin beherrschen. Es geht darum, die Gefühle des Menschen mit Demenz zu akzeptieren und anzuerkennen, unabhängig davon, ob sie nachvollziehbar sind oder nicht. „Alles, was er sagt, wird angenommen und ihm wird das Gefühl gegeben, dass es richtig ist“, erklärt Anja Tischler. „Darauf gehe ich ein“.
Mit einer klaren, kurzen und einfachen Sprache erwidert sie die Fragen des Kunden und verdeutlicht ihre Absichten. Ihre eigene Gestik und Mimik unterstreichen das. „Vieles kann auch bildlich ergänzt werden“, meint sie. Etwa wenn auf die Toilettentür ein Bild gehängt wird. Oder wenn große Uhren im Raum aufgehängt werden. Oder wenn mit einem Kalender die Termine abgesprochen werden – all das kann dem Kunden örtliche und zeitliche Orientierung geben.
Klare Tagesstruktur ist wichtig
Wichtig ist es, dem dementen Kunden eine klare Tagesstruktur zu erhalten. Also dafür zu sorgen, dass er aufsteht, frühstückt, etwas unternimmt, kocht oder saubermacht. „Es sollte immer gleich sein, wie ein Ritual“, sagt Anja Tischler. Als Alltagsbegleiterin unterstützt sie bei der hauswirtschaftlichen Arbeit, aber vor allem bei alltäglichen Bedürfnissen und der Organisation des Lebens. Sie geht mit dem Kunden oder der Kundin zum Friedhof, fährt mit ihm zum Arzt, zum Einkaufen, zu Behörden oder vereinbart Termine.
Dabei ist die ganz persönliche Biographie des Betroffenen der Maßstab. „Wenn jemand gerne Marmelade eingekocht hat, dann machen wir das jetzt eben zusammen“. Andere wieder möchten Brettspiele spielen. Auch wenn sie während des Spiels immer und immer wieder die Spielregeln erklären muss, weil der Demenzkranke ständig danach fragt, bleibt Anja Tischler gelassen und freundlich. „Ja, das gelingt mir“, bestätigt sie.
Zeitdruck, wie er oft im Pflegealltag herrscht, vermeidet die Alltagsbegleiterin. „Demenzkranke sind meist besonders sensibel und spüren es sofort, wenn jemand gestresst ist“, sagt Christina Hornung. Weil in so einer Situation der Betroffene oft völlig blockiert, sei es sinnvoller, abzuwarten, sich die Zeit zu nehmen.
Fürsorge für die Alltagesbegleiterinnen
Herausfordernd und auf gewisse Weise belastend kann die Arbeit einer Alltagsbegleiterin durchaus sein. „Man braucht diese besondere Berufung und Liebe zur Arbeit“, weiß die Bereichsleiterin. Um eine Überforderung ihrer Mitarbeiterinnen zu vermeiden, gibt es regelmäßigen Austausch im Team. Mit Fallbesprechungen und Schulungen, aber auch mit Gesundheitsfürsorge für die Alltagsbegleiterinnen, mit Seminaren und Gesprächen über Achtsamkeit, Selbststärkung oder bessere Abgrenzung wird auf die Sorgen und Bedürfnisse der Mitarbeiterinnen eingegangen. „Das ist mir wichtig, denn nur wer selbst gesund ist und gut im Leben steht, kann dies auch weitergeben“, unterstreicht Christina Hornung.
Der Zukunftswunsch der Verantwortlichen der Sozialstation Sankt Michael ist es, eine betreute Wohnform für alte Menschen zu verwirklichen. „Wir können uns aktuell tagsüber um sie kümmern, über unseren ambulanten Pflegedienst, die Alltagsbegleitung oder die Tagespflege“, sagt sie. Aber für die Nächte müsste noch eine Lösung gefunden werden.