Wenn Anja Wicker mit dem roten Kleinwagen der Sozialstation Sankt Michael unterwegs ist, dann kümmert sie sich intensiv um die Wundversorgung der Klienten. Denn die Fachfrau im ambulanten Pflegedienst der Caritas-Sozialstation Werneck ist eine von vier zertifizierten Wundexpertinnen, die diesen besonderen Service für die pflegebedürftigen Seniorinnen und Senioren zuhause leisten.

Als Pflegefachkraft arbeitet Anja Wicker schon seit zehn Jahren für die Sozialstation. Sie ist gerne bei den Menschen, die ihrer Hilfe bedürfen. Anfangs übernahm sie bei ihren morgendlichen Hausbesuchen die normale Grund- und Behandlungspflege bei den Klienten. Seit einigen Jahren ist sie ausschließlich für die Versorgung von akuten und chronischen Wunden zuständig.

Weiterbildung und regelmäßige Fortbildungen

Vorausgegangen war eine aufwändige Weiterbildung zur Wundexpertin ICW, die die Sozialstation ihr finanzierte. Die Abkürzung steht für „Initiative Chronische Wunden“, eine Fachgesellschaft für Menschen mit chronischen Wunden und deren Behandler, die mit dem TÜV Rheinland zusammenarbeitet. Denn die Absolventen der Weiterbildung müssen nicht nur Theorie und Praxis der Wundbehandlung erlernen. Sie werden darin auch geprüft und müssen regelmäßig Fortbildungen absolvieren, um ihr Zertifikat zu verlängern. Auf diese Weise bleiben sie stets auf dem neuesten Wissensstand.

Äußerst umfangreich sind die Lehrinhalte und damit das Wissen der Wundexperten, führt Anja Wicker aus. Es geht um Expertenstandards, um Haut und Hautpflege, Wundarten und Wundheilung, Wundbeurteilung und Dokumentation, um das diabetische Fußsyndrom, die Prophylaxe gerade vor Dekubitus (Wundliegen), um Ulcus cruris (umgangssprachlich „offenes Bein“), um Wundverbände, Schmerztherapie, Hygiene und Ernährung.

Enge Zusammenarbeit mit dem Arzt

Es ist eine verantwortungsvolle und herausfordernde Arbeit, bekennt die Wundexpertin. Aber eine, die ihr Freude macht, vor allem, wenn sich Erfolg zeigt. Und bei der sie viel Dankbarkeit von den Klienten erfährt.

In der Regel erhalten Anja Wicker und ihre Kolleginnen vom Arzt oder Krankenhaus eine Vorgabe, wie die Wundversorgung erfolgen soll. „Aber Wunden haben verschiedene Stadien, sie verändern sich“, sagt sie, weshalb dann andere Lösungen zu finden sind. Die Wundexpertin beurteilt daher, was zu tun ist, und beantragt beim Arzt die entsprechende Verordnung.

Dazu schickt sie die eigene Empfehlung mit einer Beschreibung der Wunde plus Foto an den Mediziner. Das spart Zeit und zudem müssen die Patientinnen und Patienten nicht eigens zum Arzt gefahren werden. „Aber die Hausärzte schauen schon bei den Betroffenen vorbei“, weiß Anja Wicker aus der Praxis.

Wundexpertinnen auf Starter-Tour 

Eine Besonderheit im ambulanten Pflegedienst der Sozialstation Sankt Michael ist die sogenannte Starter-Tour. Das bedeutet, dass alle Neuaufnahmen an Klientinnen und Klienten zunächst nur von den vier Wundexpertinnen übernommen werden. Damit soll eine Bezugspflege vermittelt werden, bei der eine Pflegekraft als Ansprechpartner die Kontinuität der Pflege gewährleistet. Und damit eine gute Heilung garantiert.

Je nach Schwere der Wunde wird dann versucht, die Versorgung in die reguläre Tour des Pflegedienstes abzugeben, die für den jeweiligen Ort eingeteilt ist. „Aber es gibt auch chronische Wunden, die können Jahre dauern“, weiß Anja Wicker.

Beratung der Patienten

Sie berät die Patienten auch darin, was sie selbst zu einer Heilung beitragen können: sei es Bewegung, sei es, die Füße hochzulegen oder auf die Ernährung zu achten.

Sie selbst legt bei der Behandlung äußersten Wert auf die Hygiene. Handschuhe, Mundschutz und Schürze sind daher selbstverständlich.

„Man sollte schon mental stark sein“, meint die Wundexpertin angesichts etlicher schwerer Fälle. „Und man muss die Leute auch aufmuntern“. Denn oft ist die Pflegekraft der einzige Kontakt des Klienten, der auf den Hausbesuch regelrecht wartet. „Man gibt viel, aber man bekommt auch viel zurück“, sagt Anja Wicker über ihren Beruf. „Ich mache meine Arbeit wirklich gern“.

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